Unwettergefahren - Teil2: Gewitter - Unterschiede wie Tag und Nacht

Allein das Vorhandensein von Blitzen bestimmt, ob es sich bei dem Wetterereignis um ein Gewitter handelt oder nicht. Dies bedeutet aber nicht, dass sich alle Gewitter ähnlich sind. Auch wenn es grundsätzliche Verwandtschaften im Aufbau gibt, sind doch einige sehr differenzierte Gewitterarten zu erkennen. Diese führen wiederum zu verschieden hohen wetterbedingten Risiken.
Auch für Laien ist es möglich, bei genauerer Beobachtung des Geschehens zu unterscheiden, um welche Art von Gewitter es sich handelt, welche Unwetterrisiken neben dem Blitzschlag auftreten können.

Dabei ist leider die üblicherweise als besonders markant eingeschätzte Dunkelheit der Wolke nur von sekundärem Interesse. Eine harmlose Wolke kann pechschwarz aussehen, wenn die Sonne im Rücken des Beobachters scheint und die Landschaft vor dem Gewitter erhellt. Ein gefährliches Unwetter kann aber harmlos aussehen, wenn der Himmel bereits von dicken Wolken bedeckt, die Landschaft grau in grau ist, die Kontraste fehlen.

Bei der Einschätzung von Gewittern sollte daher von anderen Merkmalen ausgegangen werden, wie z.B. von der Wolkenform, der Dichte und der Farbe von deutlich sichtbaren Niederschlagsvorhängen.

Ein kleinräumiges, blumenkohlartiges Gewitter mit einem geringfügig ausgebildeten, zerfiederten Amboss (runder Schirm aus Federwolken) als Wolkengipfel deutet auf ein schwaches Einzelzellengewitter hin.

In einer mäßig aktiven Luftmasse ist ein Paket Warmluft gerade warm genug gewesen um bis ganz nach oben vorzustoßen. Mit etwas stärkerem Regen und seltenen kleinen Hagelkörnern gehen, mit Ausnahme des bei Gewittern allgegenwärtigen Blitzschlagrisikos, keine besonderen Wettergefahren einher.

Bei sehr schwülheißem Wetter können sich diese Einzelzellengewitter zu wahren Wassermonstern entwickeln. Erkennbar sind diese tropischen Luftmassengewitter durch vergleichsweise große Ausdehnung, hochaufragende, scharf abgegrenzte, im Sonnenlicht blendend weiße Wolkenwände, sowie durch bleigraue absolut dichte Regenwände und einer sog. regenfreien Basis, die Zone des stärksten Aufwindes (erkennbar an einer dunklen, tief hängenden Wolkenuntergrenze ohne - oder kaum - mit Niederschlag verbunden).

Während die Chancen auf Sturmböen und großen Hagel gering ist, können diese Gewittern außerordentlich große Niederschlagsmengen in sehr kurzer Zeit zu Boden fallen lassen. Insbesondere bei langsamer Fortbewegung, oder bei Ausbildung großer Gewitterherde aus vielen Einzelzellen, besteht die Gefahr plötzlich auftretender, massiver Überflutungen. Da Hochwasser sich schneller in den Flussläufen bewegt als niedrigerer Wasserstand, kann sich eine schlagartige Flutwelle bilden. Dies ist neben dem massiven Blitzschlagrisiko die Hauptgefahr dieser zu Wolken gewordenen Gieskannen. Dichter Hagelschlag, erkennbar an dichten, sehr hellen Niederschlagsvorhängen, kann vorkommen, die Hagelkörner sind jedoch meist klein.

Auf jeden Fall sind Überschwemmungen sehr wahrscheinlich. Dies ist besonders für Autofahrer gefährlich; einige Zentimeter tiefe Wasseransammlungen sind eine Möglichkeit für Aquaplaning, an tief überschwemmten Stellen kann ein Fahrzeug auch von den Wassermassen mitgerissen werden, daher sollte niemals versucht werden, die von Bächen überfluteten Straßen zu befahren!

Nahe mit diesen Gewittern verwand sind Gewitter die durch besonders kalte Luftmassen entstehen, z.B. Wintergewitter, genannt Kaltluftmassengewitter. In diesem Fall wird die Entwicklung des Wetters nicht durch die Luftmasse am Boden, sondern durch sehr kalte Luft in größeren Höhen bestimmt.
Diese Gewitterwolken sind meist kleinräumig, reichen deutlich sichtbar nicht allzu hoch in die Atmosphäre auf, sind in der Gipfelregion sehr stark zerfranst, zerfleddert. Winterliche (auch im Herbst oder Frühling mögliche) Kaltluftlagen gehen meist mit hoher Windgeschwindigkeit in den höheren Luftschichten einher. Da die Gewitter durch diese schnell strömende kalte Luft in der Höhe bestimmt werden und diese an den Rändern der Gewitter zu Boden fällt, gehen Kaltluftgewitter meist mit erheblichen Sturm- und Orkanböen einher. Neben der Gefahr durch abbrechende Äste sowie umfallende Bäume, ist der Straßenzustand ein kritischer Faktor. So werden bei Kaltluftgewitter durch Graupel / Hagel Straßen binnen Skunden eine spiegelglatte Fläche, außerdem kann die Sichtweite innerhalb von Sekunden auf wenige Meter zurückgehen.

Mehrere Einzelzellengewitter, die sich zusammenschließen, werden Multizelle oder Mehrfachzellenkomplex genannt. Erkennbar durch mehrere, einige mehr, andere weniger weit entwickelte Wolkentürme, dicht nebeneinander, können diese Gewitter viele verschiedene Gefahren hervorbringen.
Hagel bis etwa 3cm, schwere Sturmböen über 100km/h, große Regenmengen und damit verbundene kleinräumige Überflutungen und Murenabgänge sind möglich, wenn das Gewitter etwa lange auf einem Platz verweilt (hohe Regenmengen durch immer wieder neu entstehende Gewitter an einer Seite der Zelle). Und natürlich ist auch hier das Blitzschlagrisiko nicht zu vernachlässigen.

Eine komplett andere Art von Gewittern sind die während aller Jahreszeiten möglichen linienförmig organisierten Kaltfrontgewitter.
Als Faustregel gilt: je wärmer und schwüler die Luft vor der Kaltfront, ja kälter und trockener dahinter, desto gefährlicher ist die Wetterlage!

An den Fronten, teilweise auch einige 100 km vorgelagert, bilden sich Gewitterlinien aus, erkennbar an einer breiten, den ganzen Horizont überspannenden, hochaufragenden "Wolkenmauer". Diese kann ungewöhnliche, regelmäßige, horizontale Bänderungen aufweisen. Wolkenfetzen - "Zähne" - die an der Unterseite der Wolke herabhängen und in Zugrichtung geneigt sind, sind ein Zeichen für die Mächtigkeit der Zellen. Diese Gewitter stehen im Zeichen des Sturmes, können breite Landstriche mit gleichmäßig heftigen Sturm- und Orkanböen treffen. In den schlimmen Fällen sind Windgeschwindigkeiten von 150 - 200 km/h auf einer Strecke von mehr als 500km Breite und ebensolcher Länge möglich. Wenn diese im Querschnitt bogenförmigen - deswegen "Arcus" genannten - Wolken auftreten, ist Gefahr in Verzug.
Waldgebiete sollten etwa unbedingt gemieden werden!
Weitere Gefahren bestehen neben teils reger Blitzaktivität, in großem Hagel und bei langsam ziehenden Böenfronten (die dann aber keine große Sturmgefahr mit sich bringen) in sehr heftigen Niederschlägen. Neben dem Sturm ist auch die Zuggeschwindigkeit dieser Gewitter ein Risiko, bei Maximalwerten von weit über 100 km/h vergehen nur wenige Minuten vom Auftauchen am Horizont, bis zum Eintreffen des Unwetters!

Mit allen zuvor genannten Gewittern verwandt, und doch keinem ähnlich ist das gefährlichste Phänomen unter den Gewitterarten: Die Superzelle, die Mesozyklone.

Aus allen zuvor genannten Gewitterarten können sich bei günstigen Bedingungen, wie:
  • kontinuierliche Zufuhr von Warmluft in die Zelle
  • gute Trennung der Niederschlagsbereiche (Abwind) von den Aufwindbereichen
  • unterschiedliche Windrichtungen in allen Höhen (Windscherung)
  • Verwirbelung der einströmenden Luft (besonders bei den Gewitterlinien)
diese spezielle Unwetter ausbilden.

Diese Wolkenformation zeichnet sich durch Rotation aus, ein richtiges winziges Mikrotiefdruckgebiet formiert sich - kalte Luft an der einen, warme an der anderen Seite.
Die hohe Organisation dieses Gewitters fördert die Lebensdauer sowie die Intensität; eine große Wärmemaschine entsteht, mit keinem anderen Zweck, als soviel warme Luft wie möglich in höchste Höhen zu drücken und gleichzeitig kalte Luft in der Gegenbewegung nach unten. Durch die hohe Lebensdauer, den starken Abwind und den starken Aufwind, ergibt sich eine Vielzahl an Gefahren.

Hagelkörner können in solchen Unwettern Tennisballgröße und mehr erreichen, der gesamte Niederschlag kann in engstem Raum niedergehen, blitzartige, extreme Überschwemmungen sowie dicke Hageldecken sind möglich.

Passend zur Niederschlagsintensität ergibt sich ein extremes Blitzschlagrisiko, auch am trockenen Rand des Unwetters. Der starke Abwind kann zu extremen Fallwindböen (sog. Microbursts und Böenlinien) führen. Und schließlich kann der rotierende Aufwind einen bis zum Boden reichenden, rotierenden Orkan erzeugen, den Tornado.
Erkennbar sind diese Gewitter an sichtbarer Rotation von zumindest Teilen der Wolke, an einer kreisrunden, nach unten heraushängenden, zwischen einigen hundert Metern und mehreren Kilometern großen "Wallcloud", an einer merkwürdig regelmäßigen, von horizontalen Furchen überzogenen, nach außen geneigten Seitenwand (die wie übereinandergelegte Diskusscheiben aussehen), mit teilweise deutlichen, schraubenartig gewundenen vertikalen Furchen (sog. "Frisierstab"). Aus großer Entfernung fällt die sehr regelmäßige runde Struktur, sowie ein weit über die übliche Obergrenze hinausragender Wolkenturm (Overshooting Top) auf.
Die aufgrund großer Hagelmengen von unten meist eigentümlich (grünblau, grün, gelbgrün, schmutzigbraun) gefärbten Superzellen, bringen Gefahr für Leib und Leben mit sich.
Mit dem Auto sollten solche Unwetter großräumig umfahren werden!
Es kann lebensrettend sein, sich rechtzeitig in ein Gebäude, dort in ein tieferliegendes Geschoss zurückzuziehen. Fahrzeuge bieten bei großem Hagel und Orkan (fallenden Bäume) keinen Schutz mehr!
Im Falle von extremem Hagel (>10cm möglich), Orkanböen oder gar Tornados ist ein Aufenthalt nahe Fenstern, oder in höherliegenden Stockwerken ebenso lebensgefährlich. Je mehr Wände zwischen einer Person und den tobenden Elementen sind und je tiefer die Position liegt, desto sicherer ist der Zufluchtsort!!!

Superzellen sind jedoch in der Regel selten, "nur" etwa 7% aller Gewitter erreichen Superzellen-Status. Auch sind einige Gebiete gefährdeter als andere - etwa die Region um Graz, wo z.B. am 29. und 30. August 2003 innerhalb von nur wenig mehr als 24h insgesamt vier Superzellen über die Stadt gezogen sind.

Zusammenfassend gilt: man sollte Gewitter aller Arten nicht unterschätzen! Selbst in einem schwachen Gewitter besteht die Gefahr von Blitzschlag; und auch nur ein kurzer Platzregen birgt auf den Straßen die Gefahr von Aquaplaning!



he - mm - Skywarn Austria