Leitfaden zur Schadensanalyse

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Exilfranke1

Dienstag 28. August 2012, 10:20

Warum sind Schadensanalysen so wichtig, und wo werden sie verwendet?

Die Hauptaufgabe von Skywarn ist in erster Linie, zeitnah vor Unwettern zu warnen und Unwettermeldungen an die Partner weiterzugeben. Ein Partner ist unter anderem die Europäische Unwetterdatenbank (ESWD), die die Nachfolge des 2003 gegründeten TorDACHs ist (ursprünglich nur Tornadofälle erfassend).

Für wissenschaftliche Analysen von Bedeutung sind daher auch die Auswirkungen der von uns gewarnten Wettererscheinungen, z.B. Hagel, Starkregen, Sturmschäden und Schadensblitze. Insbesondere die Dokumentation von Sturmschäden ist von erhöhter Wichtigkeit, da die Unterscheidung von Tornado und Downburstverdachtsfällen schon zu klimatologischen Zwecken wichtig ist (-> wo treten Tornados gehäuft auf, welche Intensitäten beobachtet man, bei welchen Wetterlagen sind diese anzutreffen, gibt es über die Jahre hinweg eine Zunahme?)

Abgeschlossene Schadensanalysen - speziell im Hinblick auf Sturmschäden - sind daher für den ESWD, die Unwetterstatistik Österreichs und nicht zuletzt auch Skywarn und den Vorhersagern von großer Bedeutung.

Was ist das Wichtigste bei einer Schadensanalyse?

An erster Stelle steht die Qualität. Bilder in der Nacht sind praktisch nicht verwertbar, da sie keinen Überblick über mögliche Schneisen liefern. Ausnahme sind gut belichtete Aufnahmen oder Videoaufnahmen bei günstigem Licht.

An zweiter Stelle steht die schnelle Abschließung der Analysen.

Dies hat zwei wichtige Gründe:

Der erste ist, dass gerade Sturmschäden meist schnell aufgeräumt werden, noch ärger ist dies im bebauten Gebiet, wo
die Feuerwehr zeitnah versucht, die Schäden zu beseitigen. Daher muss eine Bestandsaufnahme vor Ort ein bis maximal drei Tage nach dem Ereignis abgeschlossen sein.

Der zweite ist, dass gerade hochauflösendes Datenmaterial zu Verdachtsfällen, etwa Radarbilder, nur wenige Tage nach dem Ereignis noch zur Verfügung steht. Ein bis zwei Wochen später wird es bereits schwierig, einen Verdachtsfall mithilfe von Radarbildern zu bekräftigen (etwa eine sichtbare Gewitterlinie oder ein Hakenecho). Auch Bildberichte in Online-Medien sind meist nur zeitlich begrenzt abrufbar.

Vor Vorteil ist es, wenn bereits ein erfahrenes Mitglied beim Analyse-Team vor Ort mit dabei ist, sodass bei Zeitdruck klar ist, worauf es ankommt.


Wie gehe ich nun die Schadensanalyse vor Ort an | SCHADENSANALYSE LEICHT GEMACHT

Folgender Text wurde in Zusammenarbeit mit der Unwetterstatistik Österreich erstellt.

Für eine vorbildliche Schadensanalyse sind folgende Grundregeln zu beachten:

In den meisten Fällen einer Schadensanalyse wird es sich um STURMSCHÄDEN handeln - was Thema dieses Leitfadens ist!

Ausnahme:

Sehr großer Hagel (> 5 cm) verursacht mitunter sturmähnliche Schäden, etwa abgeschlagene Äste, abgeschlagenes Obst, geknickten Mais, o.ä., auch wenn großer Hagel und schwerer Sturm oft zusammenauftreten.

Grundsätzlich besteht eine Schadensanalyse aus:

Kontaktaufnahme zu den Medien, der örtlichen Polizei & Feuerwehr sowie eventuell Augenzeugen

* Den Behörden klar machen, dass SKYWARN Austria ein ehrenamtlicher Verein ist und die Analysen in Zusammenarbeit mit Wetterdiensten, unwetterstatistik.at bzw. ESSL geschehen.

* Nachfragen, ob es Augenzeugen bzw. Bildmaterial des Ereignisses/der Schäden gibt

Abgehen des betroffenen Gebietes und Kontrolle ob des Anfang- und Endpunktes.

* Keine voreiligen Schlüsse ziehen!

* Auch Downbursts verursachen oft schneisenförmige Schäden, umgekehrt muss ein einheitliches Fallbild nicht zwangsläufig von einem Downburst verursacht sein (siehe F3-Tornado von Großenhain, Sachsen, 2010: http://www.skywarn.de/forum/viewtopic.php?f=22&t=7915" onclick="window.open(this.href);return false;)

* Günstig ist es, das Gebiet von erhöhter Position zu betrachten (im Idealfall: Flugzeug, Hubschrauber)

* Abschätzen von Längen und Breiten, Fallrichtungen und Zugbahn

VORSICHT besonders am Rand der Windwurfschneisen – weitere Bäume könnten fallen! Bitte NICHT unter das Wurzelwerk gefallener Bäume stellen, diese können ohne Vorwarnung in sich zusammenfallen und zu einer gefährlichen Falle werden! Des Weiteren bitte keine Forstarbeiten und/oder Sicherungarbeiten von Feuerwehren behindern!

Fotographische Dokumentation der Schäden

* Hier gilt: Besser zu viele Fotos als zu wenige

* Sowohl Panorama- bzw. Übersichtsfotos als auch Detailaufnahmen sind wichtig (etwa bei außergewöhnlichen Schäden wie abgedrehten Baumstämmen, weit davongetragene Trümmer, das Stecken von Kleinteilen in Hauswänden, Baumstämmen usw.). Detailaufnahmen alleine sind ohne Dokumentation der Fallrichtungen/Orte der Aufnahme wenig sinnvoll.

* Achtet darauf, dass eure Bildqualität einigermaßen OK ist - verrauschte, sehr dunkle oder verschwommene Bilder sagen leider nicht viel aus! (Schadensanalyse möglichst bei Tageslicht)

Befragung der Augenzeugen

* Fragen, was gesehen wurde! Keine Worte (Tornado, Windhose, Downburst) in den Mund legen!

* Nicht alle Aussagen für bare Münze nehmen, sondern im Zweifelsfall immer hinterfragen

*

BEISPIELE:
War es wirklich Rotation oder hat nur eine kräftige Sturmböe den Sand aufgewirbelt?
Gab es überhaupt einen Wirbel?
Hatte dieser eine Verbindung zur Wolke?
Kam der Wind gleichzeitig mit Hagel/Starkregen?
Können andere Augenzeugen die Aussagen bestätigen?
Gab es absonderliche Vorfälle, wie weit davon getragene Trümmer, oder seltsame Geräusche?

* Falls der Augenzeuge sehr gesprächig ist, ihm nicht Wörter in den Mund legen, sondern einfach mal erzählen lassen und ggf. dann erst nachfragen.

* Im Idealfall die Befragung mitfilmen (falls der Betroffene dies erlaubt!), ansonsten aber mitschreiben, damit auch jede Information später noch den Experten vorliegt.

Anfertigung einer Zeichnung und Übersichtskarte

* In einer Übersichtskarte (z.B. GoogleMap oder AMAP) eintragen, wo das Ereignis stattfand, bestenfalls auch die Zugbahn, Breite/Länge sowie die Fallrichtungen der Bäume/bewegten Trümmerteile.

* Fotomaterial auf der Karte mit jeweiligen Zahlen kennzeichnen, ggf. auch Blickrichtung

* folgende 3 Sturmschadenarten unterscheiden: Wurfschäden (entwurzelte Burme), Bruchschäden (Stammbruch, ggf. Kronenbruch) und Druckschäden (gebogene Bäume, die nicht mehr in die Ausgangsposition zurückschwingen). Das lässt Rückschlüsse auf die Intensitätsverteilung des Winds zu.

* Wichtig ist es dabei. dem Betrachter eine möglichst gute und logische Übersicht zu vermitteln und Missverständnissen vorzubeugen (etwa durch falsch beschriftete Bilder oder fehlende Richtungsangaben)

Versand bzw. Übergabe des gesammelten Materials an das Expertenteam via Forum/Mail

* Eine ideale Form seine Schadensanalyse auf Papier zu bringen ist die eigene Schadensanalyse-SKYWARN-Vorlage, welche HIER zu finden ist! (fehlt derzeit - gibts die noch?)

* Im Idealfall ist immer ein Experte (SKYWARN, ZAMG/UBIMET/ESSL/Unwetterstatistik....) bei der ersten Schadensbegehung vor Ort mit dabei – in der Realität ist dies aber eher selten der Fall, in erster Linie zählen Bildmaterial/Befragungen.

* Auf jeden Fall sollte ab Bekanntwerden des Ereignisses bis zum Abschließen der Schadensanalyse Kontakt zu einem Experten sowie bei größeren Ergebnissen auch dem Pressesprecher von SKYWARN gehalten werden, um auch zeitnah Medien informieren zu können - außer etwas bleibt unklar, dann nicht vorschnell Tornado/Downburst ausrufen!

Abschätzen der Intensität und Ereignisart von Sturmereignissen

Die Abschätzung ob ein Tornado oder Downburst für die Schäden in Frage kommt, ist oft nur schwer, manchmal auch gar nicht feststellbar. Selbst für einen geübten Schadensanalytiker ergeben sich immer wieder verzwickte Situationen, die nur mit einer relativen Wahrscheinlichkeitsabschätzung “gelöst” werden können.

Hier nur einige der wichtigsten und markantesten Merkmale von Downburst- und Tornadoschäden:

Anzeichen für Downburst:

Zumeist geradlinig, großflächig, verlaufende Schadensflächen
Kaum Wirbelspuren, am ehesten am Rand
Einheitliche Fallrichtung, homogenes Schadensfeld
Bäume am Rand der Schneise nach außen gedrückt
Verhältnis Länge zu Breite fast immer unter 10:1

Anzeichen für Tornado:

Deutliche Wirbelspuren (etwa im Feld) & unterschiedliche Fallrichtungen
Räumlich begrenzte Entastung (z.B. eine Seite eines Baums, die andere unversehrt) von Bäumen, Entrindungen
Scharf verlaufende Schadensränder
Bäume am Rand der Schneise mitunter nach innen gebogen
Langezogenes Schadensmuster, möglicherweise markant unterbrochen bzw. unregelmäßig
Weite Verfrachtung von Trümmern
Stecken von Kleinteilen in Hauswänden, Gerätschaften oder Bäumen
Eindeutige Augenzeugenaussagen

Leitfäden:

http://www.tordach.org/pdf/Hub04.pdf" onclick="window.open(this.href);return false;

mehr Bilder: http://www.skywarn.de/downloads/schaden ... ildert.pdf" onclick="window.open(this.href);return false;

für die USA (2003):

http://www.wdtb.noaa.gov/courses/ef-sca ... tGuide.pdf" onclick="window.open(this.href);return false;

Hinweis: Es ist ausdrücklich nicht die Aufgabe des Fotografen/Spotters vor Ort, zu beurteilen, was für eine Art Schaden vorliegt. Das ist erst hinterher von den Experten zu bewältigen. Dies sei gesagt, um Laien nicht davon abzuschrecken, für Schadensanalysen aktiv tätig zu werden.

Ganz wichtig:

Die Schadensanalyse darf und kann NIE vor menschlichem Leid stehen. Bitte nehmt Rücksicht auf die Betroffenen, die möglicherweise ihr Hab und Gut verloren haben, oder sogar persönliche Verluste hinnehmen mussten. Erklärt erst, wer ihr seid, woher euer Interesse kommt, bevor ihr anfangt zu fotografieren. Haltet Euch eher zurück statt Menschen zu fotografieren oder zu filmen.

*******

Mit diesen Maßnahmen und Grundlagen sollte es jedem SKYWARN-Beobachter möglich sein, eine ordentliche und ausführliche Erstanalyse des Starksturmereignisses zu erstellen.Vielen Dank an alle, die uns mit Analysen bereits unterstützt haben und noch unterstützen werden, da es uns leider nicht immer möglich selbst Vor-Ort-Erhebungen durchzuführen!
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