Superzelle mit Großhagel und Tornado nahe Wiens

Eine SKYWARN-Unwetteranalyse erstellt von Mortimer M. Müller, Mathias Stampfl, Gabriel Strommer und Herfried Eisler.

Übersicht

Tornado
Datum, Zeitraum 10. Juli 2018 zwischen 15:00 und 17:00
Betroffene Region:

Wien (südlichen Bezirke),

in Niederösterreich der Bezirk Mödling & Schwechat

Beobachtet wurden:

Tornado der Stärke F2

Großhagel vereinzelt über 8cm

Überflutungen im Raum Schwechat

 

Wetterlage

Über Westeuropa befindet sich ein Trog mit zahlreichen Randwellen, was in einer kräftigen Südwestströmung über Mitteleuropa resultiert. Eine schwache Welle schwenkt am Morgen in Ostösterreich durch, etwas Niederschlag tritt südlich von Wien auf. Dies führt zu einer hohen bodennahen Feuchte. In 850hpa (ca. 1500m Höhe) wird eine Temperatur von knapp 20°C verzeichnet. Ab dem mittleren Vormittag herrscht im Osten ungehinderte Sonneneinstrahlung. Die Höchsttemperatur im Raum Wien beträgt deutlich über 30°C bei Taupunkten von knapp 20°C.

 

Großwetterlage vom 10.7.2017, ca. 2h vor dem Tornado (12:00 UTC entspricht 14:00 Mitteleuropäische Sommerzeit)

 

Hier ist der Sondenaufstieg für Wien vom 10. Juli 2017 um 14:00 abgebildet.

Besonderheiten: hochlabiles Setting, CAPE (verfügbare Labilitätsenergie) 2h später >1000J/kg, schwacher Deckel (Inversion) in 900hpa, wird kurz darauf gebrochen. Die bodennahe Feuchtigkeit südlich von Wien ist durch den morgendlichen Regen noch höher.

In den unteren Luftschichten herrscht eine ausgeprägte Richtungs- und Geschwindigkeitsscherung vor. Gemeinsam mit reichlich bodennaher Feuchte ist dies besonders wichtig für die Tornadoentstehung. Südlich von Wien – in dem Gebiet, in dem der Tornado auftrat – dreht der Wind bis 16:00 fast auf Ost zurück und führt zu einer weiteren Verstärkung der bodennahen Richtungsscherung.

In Summe gab es einige Anzeichen für heftige, rotierende Gewitter (Superzellen) sowie die Bildung von Tornados.

 

Timeline des Unwetters/der Superzelle

Westlich von Wien etablierte sich noch am Vormittag eine kräftige Konvergenz. Dazu entstand gegen 14:00 eine mächtige Feuchteflusskonvergenz südlich von Wien – ein gutes Indiz für reichlich vorhandene Feuchte und eine baldige Gewitterbildung. Wenig später entstand hier die spätere Tornadozelle – und die Feuchteflusskonvergenz verschärfte sich weiter.

Bereits um 15:00 MESZ sind massive Echos bis fast 15km Höhe sowie eine deutliche geneigte Struktur der späteren Tornadozelle knapp südwestlich von Wien zu erkennen. Bereits jetzt tritt Hagel über 4cm im Durchmesser auf.

 

VERA

Foto: Mathias Stampfl / Grafik 1 VERA, Grafik 2 (C) ACG

Kurz vor 16:00 – im südlichen Wien wird Hagel bis 5cm im Durchmesser registriert.

Kurz vor dem Tornado ist weiterhin eine massive Feuchtekonvergenz südlich von Wien zu erkennen – genau dort, wo sich das Unwetter gerade befindet.

Wenige Minuten vor dem Tornado ist eine deutliche Hakenstruktur („Hook-Echo“) südlich von Wien erkennbar – Indiz für eine baldige Tornadobildung. Zu diesem Zeitpunkt kann auch eine massiv ausgeprägte und stark rotierende Wallcloud beobachtet werden; ein weiterer Hinweis auf das Potenzial für die Bildung von Trichterwolken. Im Bereich von Schwechat, knapp südlich der Wiener Stadtgrenze, tritt Riesenhagel von 6-7cm im Durchmesser auf.

Foto: Manuel Weber / Grafik 1 VERA, Grafik 2 (C) ACG

Um 16:30 befindet sich der Tornado am Boden. Die Hakenstruktur ist – etwas abgeschwächt – noch zu erkennen.

Um 16:35 ist die Hakenstruktur verschwunden, der Tornado ist jedoch weiterhin aktiv. Er löst sich erst kurz vor 16:45 auf.Kurz vor 17:00 ist der Tornado verschwunden, das Schwergewitter aber noch nicht vorbei. Hagel über 4cm im Durchmesser wird knapp östlich von Wien beobachtet. Auch treten weitere, schwere Sturmschäden auf, wobei es sich hier vermutlich um die Folgen eines Downbursts (heftige Gewitterfallböe) handelt.

Etwa 1/2h Stunde nach dem Tornado schwächt sich die Feuchteflusskonvergenz deutlich ab, auch die Folgegewitter sind nicht mehr so heftig. Im Raum Wien und nördlich davon ist eine deutliche Divergenz zu erkennen, ausgelöst durch den Outflow der Gewitterzellen.

 

Foto: Gabriel Christandl / Grafik 1 VERA, Grafik 2 (C) ACG

Noch vor dem Erreichen der Staatsgrenze Richtung Slowakei schwächt sich die ehemalige Tornadozelle deutlich ab und löst sich wenig später auf. Sie war über 2h lang aktiv.

 

Detailbericht zum Tornado bei Schwechat & seine Schäden

Bereits vor 16:00 ist südlich von Wien die stark rotierende Wallcloud der Superzelle (Mesozyklone) zu erkennen. Die folgende Aufnahme ist um 16:10 auf der B10 knapp südlich von Schwechat entstanden und zeigt das niederschlagsfreie Aufwindfeld mit der Wallcloud (Absenkung in der Bildmitte).

16:15 – Die rotierende Wallcloud befindet sich nur noch wenige Kilometer entfernt. Einzelne trockene Hagelkörner mit 3cm Durchmesser fallen am Beobachtungsstandort.

16:27 – Ein erster kurzlebiger Tornado tritt auf (10-20sek Bodenkontakt).

16:29 – Die Rotation der Wallcloud verstärkt sich und die abgesenkte Basis wandelt sich in eine trichterförmige Struktur um. Zum Aufnahmezeitpunkt hat das Windfeld des Tornados vermutlich bereits den Boden erreicht, auch wenn der Trichter noch nicht gänzlich auskondensiert ist.

16:31 – Die ausgeprägte Trichterwolke des Tornados befindet sich am Boden. Der Tornado zieht über Felder, aufgewirbeltes Stroh und Blätter sind auch in 2km Entfernung zu erkennen.

16:35 – Der Tornado befindet sich weniger als 1km entfernt. Er ist nur teilweise auskondensiert, das Windfeld befindet sich aber nach wie vor am Boden. Am Standort beginnt es zu regnen.

16:37 – Trichterwolke mit Kondensationsniveau knapp über dem Boden. Die Entfernung beträgt wenige hundert Meter. Am Standort fallen einzelne Hagelkörner bis 4cm im Durchmesser.

16:39 – Sekunden, bevor der Tornado die erste Straße (L2063 Richtung Rauchenwarth) überquert.

16:42 – Der Tornado überquert die B10 nur wenige Kilometer westlich des Flughafens. Das Brausen des Sturms ist deutlich zu vernehmen.

16:44 – Sekunden, bevor sich der Tornado auflöst, zerstört er einen Windschutzgürtel und überquert gelagerte Heuballen, die den Wirbelsturm gelb färben.

 

 

Die gesamte Lebensdauer des Tornados betrug rund 15 Minuten. In diesem Zeitraum legte er eine Strecke von knapp 4km zurück, war also mit etwa 15km/h „gemütlich“ unterwegs. Die Zugbahn war anfangs Nordosten, bald verlief sich aber nahezu in West-Ost Richtung.

Details zu Schadenanalyse findest du in kürze hier.

Nach Begutachtung der Schäden kann die maximale Intensität des Tornados nur mit F1/T3 angenommen werden (d. h. Windspitzen um 180km/h). Anhand der photogrammetrischen Auswertung erscheint es allerdings wahrscheinlich, dass die Windspitzen über 200km/h erreichten und es sich um einen F2/T4 Tornado gehandelt hat. Das ESSL (European Severe Storm Laboratory) plant, an den Videoaufnahmen weitere photogrammetrische Analysen durchzuführen, um die tatsächliche, maximale Windgeschwindigkeit des Tornados zu ermitteln.

Ereignis-Map

Detailbericht zum Großhagel der Superzelle

Einleitung – schwere Schäden etwa in Schwechat (Dach der OBI Filiale zerstört, Autos zertrümmert), Millionenschaden in der Landwirtschaft ...

 

 

Bis zu 6 cm große Hagelsteine in Wien-Liesing. Foto: Christian Braun

Rund 8 cm großer Riesenhagelstein in Schwechat. Foto: Kerstin Palkovits

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